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DIE WELT, 24. Juni 1999:
»Ich wünsche mir so sehr ein Pferd«

Maria Kohl ist die gute Fee der schwerkranken Kinder. Dabei operiert sie nicht und verteilt auch keine Tabletten. Als Vorsitzende des Vereins »Kinderträume« erfüllt die Berlinerin Herzenswünsche kleiner Patienten.

Das erste Rendezvous ist eine feuchte Angelegenheit. Gleich zu Beginn leckt die sabbernde Resi der zierlichen Marlene ausgiebig über die Finger. »Igitt«, erschrickt das blasse Mädchen und wischt die Hand an der Jeans ab. »Daran musst Du Dich gewöhnen.« Carola Radünz vom Reiterhof in Passow lacht und streicht der Stute über die Mähne. Aber das dauert keine 10 Sekunden: Sogleich greift die Vierzehnjährige die Zügel und führt die braune Pferdedame strahlend aus dem Stall.

Seit Wochen hat das Kind auf den Augenblick gewartet, in dem es sein Pflegepferd kennenlernt. Minuten später hat Marlene ihre Resi gestriegelt, zwei Hände Möhren verfüttert und den ersten Galopp absolviert. Als sie stolz vom Sattel steigt, rückt sie ihre Basecap zurecht - keiner soll sehen, dass darunter keine Haare mehr sind. Marlene hat Leukämie. Die ersehnte Begegnung im Pferdestall verdankt das Mädchen aus dem brandenburgischen Gramzow einer Berlinerin. Vor knapp vier Monaten hatte es der Vorsitzenden des Vereins »Kinderträume« einen Brief geschrieben. »Ich habe eine furchtbare Krankheit«, stand in Schönschrift auf dem karierten Papier, »Und ich wünsche mir so sehr ein Pferd.« Marlene hatte die 53jährige Frau am Krankenbett im Klinikum Buch kennengelernt, Maria Kohl, die 25 Jahre lang als Sopranistin auf Bühnenbrettern zu Hause war, ist regelmäßig auf Kinderstationen der Krankenhäuser unterwegs, um Herzenswünsche der schwerkranken Patienten zu erfahren.

Mit dem vor zwei Jahren gegründeten Verein will sie ihnen den Lebensmut zurückgeben, der nach einem Leben an Schläuchen und endlosen Schmerzen abhanden gekommen ist. Ob sich ein sterbenskranker 15jähriger Junge innig wünscht, den Führerschein zu machen oder eine fünfjährige Krebspatientin die Kelly Family treffen will - die gute Fee setzt per Telefon, Fax und Bittgängen alles in Bewegung, um ein Lachen in die blassen Kindergesichter zu zaubern. Will jemand im Hubschrauber fliegen, läßt die geburtige Eislebenerin ihrer Kontakte zur Leipziger Flugambulanz spielen. Um Besuche bei den Backstreet Boys zu vereinbaren, kennt sie Konzertveranstalter. Längst weiß sie alle Schliche, um an Manager von Schumi und »Baywatch«-Star Hasselhoff heranzukommen oder eine Fahrt in der Mercedes-S-Klasse zu organisieren. Auch bei den Stars von »Gute-Zeiten-Schlechte-Zeiten« hat die couragierte Frau einen Stein im Brett.

Schwieriger ist die Suche nach Spenden für ihr Ehrenamt. Zwar ist nicht jeder Wunsch unbezahlbar, der Reiterhof Radünz läßt Marlene jederzeit kostenlos zu Resi und spendiert ihr Reitstunden. Doch Reisen nach Disneyland oder zur Villa Kunterbunt belasten das Budget erheblich - trotz Sonderpreisen, die Maria Kohl bei Fluggesellschaften und Hotels erbettelt. Etwa 80 Kinderträume stehen derzeit auf der Wunschliste ihres Büros am Brixplatz. Täglich kommen neue hinzu. Das Telefon der liebenswürdigen Frau steht selten still. Die Wände sind voller Buntstiftzeichnungen. Neben Fotos, die kahlköpfige Kinder strahlend mit Promis zeigen, liegt ein Stapel Dankesschreiben.

Nicht alle der lebensbedrohlich erkrankten Schützlinge von Maria Kohl gewinnen den Wettlauf mit dem Tod. Ihnen beschert die Frau nicht einfach einen unvergesslichen Tag – oft ist es der letzte schöne Augenblick ihres Lebens. So saß Maria Kohl bei vielen der bisher 200 Wunscherfüllungen die Angst im Nacken. »Der Tod wartet nicht«, flüstert sie und schaut nachdenklich aus dem Fenster. Der Zeitdruck, unter dem die energiegeladene Frau arbeitet, macht ihr ebenso zu schaffen wie das Leid der Kinder und ihrer hilflosen Eltern. Doch Maria Kohl weiß um die Bedeutung ihrer Arbeit: Eltern sind mit der Krankheit ihres Kindes überlastet, und den kleinen Patienten fehlt es an Durchhaltewillen. »Erfüllte Träume schaffen dann ungeahnte neue Energien«, bestätigt Kinderarzt Dr. Wolfgang Dörfel vom Klinikum Buch. »Die Kinder vergessen für den Moment ihre Schmerzen.« Entbehrungen hat auch Marlene hinter sich. Das Mädchen aus dem Kinderheim in Gramzow (Brandenburg) bekam vor acht Monaten plötzliche Fieber. Die Diagnose des Arztes: akute Leukämie. Seitdem hat das Kind keine Woche ohne Krankenhausaufenthalt und Chemotherapie erlebt. Doch jetzt geht es bergauf. Manchen Tag kommt stundenweise eine Lehrerin in das Heim, in dem Marlene mit neun Kindern wie in einer Familie lebt. Hier bekommt sie die Liebe, die der obdachlose Vater und die alkoholabhängige Mutter nicht geben konnten. Am Mittwoch hat Marlene gefeiert, der vorerst letzte Tropf ihrer Chemotherapie war an diesem Tag mit Luftballons geschmückt. Die Chancen auf Heilung stehen gut. »Nächstes Mal bringe ich Dir einen Apfel mit«, flüstert die Kleine der wiehernden Resi zum Abschied ins Ohr. Dann hat das Tier einen dicken Kuß auf der Nase sitzen.

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